Atelier Marion Bernhardt / Mikromalerei

Bei der konzeptionellen Arbeit an einer Ausstellung zum Thema Schönheit im Makro- und Mikrokosmos begab ich mich als wissenschaftliche Illustratorin auf eine Reise zu den Grenzen der Sichtbarkeit. Das Tor zu unendlichen, malerischen Experimenten öffnete sich im März 2018.


Mit dem Ziel, »präparatorische« Malerei als Verbindung zwischen Präparation und Malerei unter dem Binokular zu betreiben, besuchte ich das Forschungslabor der Neurobiologie an der Universität Konstanz. 20 Jahre früher hatte ich dort mein Biologie-Diplom erworben. Damals träumte ich von den Möglichkeiten, unter der Stereolupe zu malen. Mit Tinte und Papiertaschentüchern wagte ich die ersten Versuche. Dann nahm ich von dieser »Spielerei« Abstand und widmete mich wieder der »ernsten« Forschung.

Im Laufe der Zeit befreite ich mich von diesem Denken und unternahm einen erneuten Anlauf. Ich hatte in der Zwischenzeit viel gelernt über Malerei und Oberflächen, über Beobachtung und Gestaltung, exakte Darstellung und freie Umsetzung, digitale Bildbearbeitung und Fotografie. Mit der ganzen Klaviatur der Gestaltungsmöglichkeiten ging ich erneut ans Werk.


Am 23. Februar 2018, dem allerersten Tag im Konstanzer Labor wurde mir von der wissenschaftlichen Mitarbeiterin, Frau Dr. Sabine Kreissl, ein Binokular zur Verfügung gestellt. Ich hatte Pinsel, Zeichenpapier, Bleistifte, Buntstifte, Wachskreiden, Aquarellfarben, Tusche und kalten Kaffee dabei. Nach einem genauen Plan entstanden unter der Stereolupe Zeichnungen mit der Pinselspitze und kleinste Zeichen mit dem Bleistift. Ich erprobte die Möglichkeiten meiner Hand, so klein wie möglich zu malen und zu zeichnen. Am zweiten Tag waren es erste Figuren, die umrisshaft das Papier bevölkerten. Sie wirkten archaisch und noch gesichtslos. Am dritten Tag im Labor gelangen mir erste Landschaften und komplexere Malereien. Es eröffneten sich Räume und ein Spiel mit dem Darunter und Darüber von Farbschichten. Nach einigen Stunden beherrschte ich meine Werkzeuge immer besser.

Ich ließ von einigen, ersten Zeichnungen Makrofotos anfertigen für die Ausstellung »Mikromalerei«. Ich hatte danach den Wunsch, ein eigenes Fotobinokular im Atelier zu haben, um die eigenen Werke selbst zu fotografieren. Im Oktober 2018 war es so weit und ich begann, Sonnenwirbel, Galaxien, Nebel, Planeten und Ausschnitte der Milchstraße unter dem Binokular zu illustrieren.

Ich konnte mich mittlerweile in der Mikrowelt genauso leicht ausdrücken, wie makroskopisch. Ich wollte zeigen, dass es ein schöpferischer Prozess war, der hinter den Kunstwerken stand und nicht der Zufall. Darum begann ich, schöne Frauengesichter nach den schönsten Frauen aus allen Kulturen zu malen. Dabei entdeckte ich immer neue Materialien: welke Blätter, weiße Häute, Fischhäute, getrocknetes Gemüse oder natürlich die verschiedensten Papiere, manchmal auch bedruckte wie z. B. Briefmarken. Dabei sind die Malereien noch kleiner als das Motiv der Briefmarke.
 


Als Biologin hatte ich mit Mikro-Pinzetten kleinste Strukturen wie zum Beispiel das Gehirn einer Meeresassel präpariert. Heute ist es mir möglich, mit der Spitze eines Rotmarder-Pinsels meine Ideen ohne Anstrengung sichtbar werden zu lassen. Neue Bildwelten entstehen, in denen die Material-Oberfläche eine zentrale Rolle spielt.

Als Brücke zum Betrachter braucht das fertig gemalte Werk die Fotografie, denn die Strukturen liegen unter der Grenze der Sichtbarkeit des Auges. Das Binokular macht ein Arbeiten bei 40-facher Vergrößerung möglich. Das Kleine kann nur erforscht und in der Fotografie dokumentiert werden. Viele Vergrößerungsstufen, Beleuchtungen und Belichtung, der Blickwinkel und Bildausschnitt spielen eine Rolle. Sie fördern das Bildthema und erfordern einen differenzierten Umgang mit den technischen Möglichkeiten und Grenzen. In immer neuen Anläufen wird das Gemalte eingefangen, bis das Ergebnis überzeugt. Sehr fragile Objekte können festgehalten werden, die sich nach dem Präparieren und den Fotografieren auflösen, oder die der natürliche Verfall laufend verändert.

Als dritter Disziplin kommt dem Digitaldruck eine wesentliche Bedeutung zu: bei der Umsetzung der Bilddaten in einen 4 – oder 10 Farben-Kunstdruck müssen alle Bildelemente neu gestaltet werden. Papier- und Druckqualität entscheiden über die Güte des Druckerzeugnisses. Dank der digitalen Bildbearbeitung und Probedrucken beginnt die ursprüngliche Schönheit des Werks zu leuchten. Wenn sie zu »atmen« beginnt, dann ist das eine Sternstunde und es wird zum Erlebnis, den fertigen Druck in den Händen zu halten.

Als wissenschaftliche Illustratorin liebe ich die forschende Herangehensweise an diese drei Gebiete. Ich gehe ihnen auf den Grund und erfahre Mikromalerei als Schnittmenge zwischen Malerei, Fotografie und Druckkunst. Diese Arbeitsweise ist ein spannendes Feld und ich bin dankbar, es betreten zu haben.

Marion Bernhardt

 

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